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  • AutorenbildFlorian Schweden

Von der Motivation zur Volition - Erfolgsfaktoren von Gestaltungsprozessen in KMU

Im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) haben wir den aktuellen Wissensstand zu Erfolgsfaktoren von Gestaltungsprozessen – insbesondere der Gestaltung von psychischen Belastungen in KMU – aufgearbeitet.


Wie sind wir vorgegangen?


Wir haben in unserer Recherche drei Daten-Quellen genutzt:


1. Wissenschaftliche Publikationen

2. Publikationen öffentlicher Institutionen (z. B. Krankenkassen; Unfallversicherer etc.)

3. ExpertInnen-Interviews mit Personen aus der Beratung, der Aufsichtsbehörden und der Wissenschaft


Wir konnten aus insgesamt 1254 identifizierten Quellen (1152 wissenschaftliche Publikationen; 102 Publikationen öffentlicher Institutionen) und 2213 min ExpertInnen-Interviews 169 Beiträge und Hinweise für die Ableitung evidenzbasierter Erfolgsfaktoren nutzen.


Diese Erfolgsfaktoren sind für die Gestaltungskontexte des betrieblichen Arbeitsschutzes, des betrieblichen Gesundheitsmanagements, der betrieblichen Gesundheitsförderung und das Change-Management (i. S. der Organisationsentwicklung) relevant. Sie sichern das Gelingen von Gestaltungsprozessen, indem sie die Planung, Umsetzung und Wirksamkeitskontrolle des Gestaltungprozesses optimieren und professionalisieren.

Grundsätzlich ist es immer notwendig, dass Unternehmen darin unterstützt werden, auf Basis der Sinnhaftigkeit und der Erfolgsversprechens von Gestaltungsprozessen eine Motivation für diese Veränderung zu entwickeln, welche zur Volition wird. Damit ist gemeint, dass in UnternehmerInnen gewachsene Motive, Bedürfnisse und Erwartungen in Bezug auf Gestaltungsprozesse bewusst genutzt werden, um einen Prozess zu steuern und voranzubringen. Es gilt, dass deren Motive in einem konkreten Prozess der Willensbildung (i. S. der Volition) genutzt werden, um eine Zielsetzung und -planung für alle transparent festzuhalten. Mit Hilfe gemeinsam erarbeiteter Ziele, gelingt die Ausrichtung und Steuerung dieser Prozesse!


Die wichtigsten Erfolgsfaktoren


Die psychologische Arbeitsgestaltung als Gestaltungsprozess, welche gezielt psychische Belastungen bei der Arbeit reduzieren und steuern kann, ist das zentrale Element der Gesunderhaltung und Leistungssteigerung von Unternehmen und deren Mitarbeitenden. Die Erfolgsfaktoren können bestehende Vorbehalte in Bezug auf die diversen und teilweise umfangreichen Arbeitsschutz- und Gesundheitsmaßnahmen auflösen. Oftmals werden hohe Kosten erwartet („Menschenschutz ist nicht immer Unternehmensschutz!“ Aussage Eigentümer von Bauunternehmen der Kategorie KMU), ohne den Nutzen von ganzheitlichen Gestaltungsansätzen zu kennen.


Die entscheidenden Faktoren zum Gelingen von Gestaltungsprozessen sind entsprechend unserer Erkenntnisse:


1. Partizipation. Die Planung und anschließende Umsetzung sowie Evaluation muss stets unter der Beteiligung aller Ebenen eines Unternehmens erfolgen. Diese Partizipation ist über das Einbinden aller relevanten betrieblichen Akteure, das Aufbauen von Kommunikationskanälen und der methodischen Vielfalt realisierbar.


2. Analyse. Der Bedarf für Gestaltungsprozesse des jeweiligen Unternehmens muss detailliert analysiert werden. Für Maßnahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagement sind oftmals Bedarfsanalysen ausreichend, aber für die passgenauen Gestaltungsmaßnahmen psychischer Belastungen ist eine ganzheitliche Arbeitsanalyse (z. B. in Form einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen) zu empfehlen. Es gilt Ursachen aufzudecken, Lösungen gemeinsam zu erarbeiten und diese professionell umzusetzen.


3. Evaluation. An dieser Stelle ist es besonders wichtig zu betonen, dass hierbei die Rede von der formativen („begleitende“) Evaluation des Gestaltungsprozesses ist. Die formative Evaluation hat die Stärke, dass regelmäßig auch Zwischenergebnisse geprüft werden, mit dem Ziel laufende Maßnahmen zu modifizieren oder zu verbessern. Auf diese Weise wird ein gesamter Gestaltungsprozess stets optimiert. Das gewonnene Erfahrungswissen ist wiederum Grundlage der Anpassung, Wiederholung und/oder neuen Implementierung weiterer Maßnahmen.


4. Vermeiden der Theorielosigkeit[1]: Einige Angebote zur Reduktion von physischen und psychischen Belastungen werden oftmals nicht durch entsprechende Expertise begleitet[2]. Wenn Unternehmen mit externen ExpertInnen zusammenarbeiten, sollten sie auf ausgewiesene Expertise, Nachweise und geprüfte Ansätze achten. Oftmals ist schon in der konzeptionellen Ausrichtung zu sehen, ob die Angebote überhaupt zu den Belastungen des Unternehmens passen.


5. Individuelle Passung: Es braucht an unternehmens- und/oder tätigkeitsspezifischen Herausforderungen und Besonderheiten angepasste Angebote des Arbeits- und Gesundheitsschutzes! Im Vorfeld sollte stets eine Analysephase erfolgen, welche diese betrieblichen Besonderheiten aufdeckt und dann sollten diese Berücksichtigung in den Gestaltungsmaßnahmen finden.

6. Methodenvielfalt: Gemäß dem Zitat „Gute Arbeit erfordert gutes Werkzeug.“ (F. Wisniewski) muss ein jedes Unternehmen für sich im Vorfelde prüfen, ob die notwendige Expertise und Erfahrung in Bezug auf Gestaltungsprozesse psychischer Belastungen vorhanden sind. Es braucht nämlich einen Methodenkoffer, die unterschiedlichen Zugänge zu den Bedarfen des Unternehmens ermöglicht und somit individuelle Maßnahmen hervorbringt.



Besonderheiten in KMU


Obwohl der Großteil der Beschäftigten in Deutschland in KMU angestellt ist[3], besteht zum Arbeitsschutz und zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement sehr wenig evidenzbasierte Forschung. KMU selbst leisten unter hohen äußeren Marktdruck teilweise Höchstleistungen, da sie eigene Arbeitsweisen und Organisationsabläufe oftmals schnell anpassen bzw. sogar verändern müssen. Veränderungen von Arbeitsbedingungen scheinen alltäglich zu sein. Aus diesem Grund bedarf es spezifischer Methoden und Interventionen, die es ermöglichen, unternehmensspezifische und individuelle Lösungen anzubieten. Es braucht Expertise der Handelnden in Bezug auf die Verhältnis- als auch Verhaltensprävention bzw. -intervention. Wenn keine entsprechende fachliche Expertise im Unternehmen vorhanden ist, dann muss an entsprechende Expertise verwiesen werden. Des Weiteren müssen Kriterien für die Auswahl geeigneter Expertise zur Verfügung stehen – d. h. die Zielstellung des Unternehmens lenkt den Prozess, nicht das Portfolio des Anbieters. Alle Quellen zeigten, dass insbesondere in KMU eine externe Unterstützung durch ausgewiesene und erfahrene FachexpertInnen ein Garant für einen erfolgreichen Prozess ist.


Ganzheitliche und unternehmensspezifische Lösungen


Einer der beschriebenen Faktoren beim Gelingen von Gestaltungsprozessen ist das Vorhandensein ausreichender Ressourcen. Damit sind nicht nur notwendige zeitliche und materielle Ressourcen gemeint, sondern auch die Berücksichtigung eines grundlegenden Problems:


Das Zeitnehmen für Gestaltungsprozesse. Denn Zeit hat man nicht, man muss sie sich nehmen.


Insbesondere KMU haben oftmals aufgrund des Marktdrucks und der Auftragsdichte nicht die Zeit (bzw. nehmen sich diese nicht), sich mit ausreichender Tiefe mit der Thematik der psychischen Belastung und deren Gestaltungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen (Rückmeldung Gewerbeaufsicht). Es braucht jedoch Zeit, dass Beschäftigte und Unternehmensleitung an Gestaltungsmaßnahmen mitwirken und diese für sich nutzen können. Und wenn Unternehmen keine ausreichende Expertise haben, so sind ExpertInnen zu beauftragen, welche sich ausschließlich Zeit für die Bearbeitung der Herausforderungen und der Lösungen von Gestaltungsprozessen psychischer Belastungsfaktoren nehmen.


Schlüsselwörter

Arbeitsgestaltung, Erfolgsfaktoren, Gestaltungsprozesse, Change-Management, BGM, Organisationsentwicklung, KMU


[1] Elke, G., Gurt, J., Möltner, H. & Externbrink, K. (2015). Arbeitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung – vergleichende Analyse der Prädiktoren und Moderatoren guter Praxis. IOP – Institut für innovative Organisations- und Personalentwicklung. BAuA: Dortmund/Berli [2] Beck, D. & Schuller, K. (Hrsg.) (2020). Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung in der betrieblichen Praxis Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aus einem Feldforschungspro-jekt. https://doi.org/10.21934/baua:berichtkompakt20200115 [3] Gerhardt, C., Stocker, D., Looser, D., grosse Holtforth, M., & Elfering, A. (2019). Well-being and health-related interventions in small- and medium-sized enterprises: A meta-analytic review. Zeitschrift Für Arbeitswissenschaft, 73(3), 285–294. https://doi.org/10.1007/s41449-019-00154-1


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