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  • AutorenbildINAGO - Institut für Arbeitsgestaltung und Organisationsentwicklung

Welche psychischen Belastungen sind gesicherte Risikofaktoren für Gesundheitsbeeinträchtigungen?


In den letzten zwei Jahrzehnten ist es aufgrund technologischer und gesellschaftlicher Entwicklungen zu einem massiven Wandel der Arbeitswelt gekommen. Der Wandel wird auch in Zukunft anhalten und noch an Geschwindigkeit zunehmen. Damit einher gingen auch Veränderungen der Arbeitsbelastungen. Zugenommen hat sowohl der Anteil als auch die Vielfalt an psychischen Arbeitsbelastungen. In Reaktion darauf wurden in allen europäischen Ländern vermehrt Arbeitsbedingungen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gesundheit analysiert und bewertet. Darauf aufbauend soll dann die Arbeit gesundheitsgerecht gestaltet werden. Im deutschen Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG, 1996) wurde auf die veränderte Arbeitswelt durch das „Gesetz zur Neuordnung der bundesunmittelbaren Unfallkassen“ vom 20.09.2013 reagiert. Danach wird im § 4 Nr. 1 ArbSchG (Allgemeine Grundsätze) der Passus „... physische und psychische Gesundheit“ ergänzt und wurde im § 5 ArbSchG (Gefährdungsbeurteilung) als Nr. 6 die “psychische Belastung bei der Arbeit” eingefügt. Gemäß dem Arbeitsschutzgesetz ist der Arbeitgeber aufgefordert, die mit der Arbeit verbundenen Gesundheitsgefährdungen zu ermitteln, zu beurteilen und daran orientiert die erforderlichen Maßnahmen festzulegen.

Die Bewertung des Gefährdungspotentials physischer Belastungen (biologische, chemische, physikalische Belastungen) ist aufgrund der zur Verfügung stehenden gesetzlich festgelegten Normen und Regeln relativ standardisiert. Auch besteht Übereinkunft darüber, wie man bei neuen physischen Belastungen zu entsprechenden Normen und Regeln kommen kann. Vergleichbare Normen oder Regelungen für die Bewertung psychischer Belastungen hinsichtlich ihres Gesundheitsgefährdungspotenzials gibt es bisher kaum. Der Weg, wie man zu diesen kommen kann, ist aber ähnlich. So lässt sich aus Sicht der Belastungs-Beanspruchungs-Forschung das Gefährdungspotential von psychischen Belastungen aus den gesundheitlich relevanten Folgen ableiten, die während oder nach Bewältigung dieser Belastungen entstehen. Führen Arbeitsbelastungen zu Fehlbeanspruchungsfolgen, die die Gesundheit beeinträchtigen, sind sie als Gefährdung zu bewerten. Offen ist, ab welchem Grad eine Fehlbeanspruchung die Gesundheit beeinträchtigt. Besteht eine Gesundheitsgefährdung bereits bei einer Einschränkung des Wohlbefindens? Oder beginnt diese erst bei einer Erkrankung? Zumindest dürfte sicher sein, dass Krankheit (neben dem Tod) als Extremausprägung einer arbeitsbedingten Fehlbeanspruchung die Gesundheit beeinträchtigt. Daher wäre das Vorhandensein einer Beziehung zwischen Arbeitsbelastungen und Erkrankungen ein Indikator für das gesundheitliche Gefährdungspotential dieser Arbeitsbelastungen. Eine Bezugnahme auf Erkrankungen als Indikator erzeugt Sicherheit bei der Beurteilung des gesundheitlichen Gefährdungspotentials von psychischen Arbeitsbelastungen, engt aber gleichzeitig den Bewertungsrahmen ein. So würde beispielsweise das Auftreten von (noch nicht krankheitsrelevanten) Erschöpfungszuständen in Zusammenhang mit psychischen Arbeitsbelastungen keine Indikation sein. Trotz dieser Einengung wird aber in der Bewertung des Gefährdungspotenzials psychischer Belastung aufgrund dessen Erkrankungsrisikos ein erster Zugang gesehen, potenziell gefährdende psychische Belastungen zu identifizieren.

Ziel dieses Beitrags ist daher die Darstellung von Arbeitsbelastungen, die aufgrund gesicherter Forschungsergebnisse potenziell als Krankheitsrisiko zu bewerten sind.

Wenn man die Datenlage unabhängig von den speziellen Beziehungen zwischen bestimmten Arbeitsbelastungen und Krankheitsarten dahingehend bewertet, ob eine Arbeitsbelastung potenziell eine Gesundheitsgefährdung (egal für welche Erkrankung) darstellen kann und daher in Gefährdungsbeurteilungen analysiert und bewertet werden sollte, dann ergibt sich das folgende Bild:

Gesundheitsgefährdend bzw. Ursachen für Arbeitsunfähigkeit sind:

  • hoher Job Strain (d. h. die Kombination von geringem Handlungsspielraum und hoher Arbeitsintensität),

  • iso-strain (d. h. die Kombination von geringem Handlungsspielraum und hoher Arbeitsintensität bei gleichzeitig geringer sozialer Unterstützung),

  • hohe Arbeitsintensität (Job demand),

  • geringer Handlungsspielraum (Job control),

  • Effort-Reward-Imbalance (Ungleichgewicht zwischen erlebter beruflich geforderter Leistung und dafür erhaltener Belohnung/Wertschätzung),

  • Überstunden,

  • Schichtarbeit (mit Einschränkungen, siehe unten),

  • geringe soziale Unterstützung,

  • Rollenstress,

  • Bullying/aggressives Verhalten am Arbeitsplatz,

  • Arbeitsplatzunsicherheit.

In Bezug auf Schichtarbeit ist einschränkend anzumerken, dass die vorhandenen Studien die Merkmale von Schichtarbeit wie Schichttyp, Rotation, Schichtdauer, Tag- vs. Nachtarbeit kaum berücksichtigten. Hierzu besteht Forschungsbedarf. So berichten Merkus et al. (2012), dass Abendschichten und Nachtschichten zu mehr Arbeitsunfähigkeitstagen führen als Arbeit in Tagschichten. Anders gesagt, Abend- und Nachtschichten sind danach als gesundheitsgefährdend einzustufen.

Die hier dargestellten Ergebnisse konnten auch bei einer breit angelegten Untersuchung in 31 europäischen Ländern mit 14 881 Männern und 14 799 Frauen bestätigt werden. Bei der Auswertung der europäischen Daten wurden sowohl diverse soziodemografische Daten als auch verschiedene Umweltbelastungen kontrolliert und die Auswertung mit und ohne Kontrolle der jeweils anderen Arbeitsbelastungen ausgeführt. Insgesamt stehen die Ergebnisse aus der europäischen Befragung mit denen, die hier aufgelistet wurden, im Einklang.

(Dabei sind die als gesundheitsgefährdend bewerteten Arbeitsbelastungen nicht im Sinne einer Ausschlussliste zu verstehen. Mit anderen Worten, für nicht aufgelistete Arbeitsbelastungen kann derzeit (noch) keine Aussage zu deren Gesundheitsgefährdung getroffen werden. Auch wurden in dieser Arbeit nur stressassoziierte Erkrankungen einbezogen, die sich auf Veränderungen der Hypothalamus-Nebennierenrinden/Nebennierenmark-Achsen bezogen. Es gibt aber sicherlich noch mehr stressassoziierte Erkrankungen (z. B. angenommen für Veränderungen des immunologischen Systems). So findet sich z. B. für repetitive Arbeit ein „guter Nachweis“ für das Risiko von Muskel- Skelett-Erkrankungen, d. h. mehrere Metaanalysen mit diesem Ergebnis liegen vor).





Beitrag unter folgendem Link erreichbar:








 

Quelle:

Rau, R. & Buyken, D. (2015). Der aktuelle Kenntnisstand über Erkrankungsrisiken durch psychische Arbeitsbelastungen. Ein systematisches Review über Metaanalysen und Reviews. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 59, 113–129.


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